Blind Dates mit Regisseuren oder die Entstehung von PHONE HOME

Es war einmal ein kleiner Theatermacher in einem kleinen Stadttheater in Süddeutschland, der erst vor kurzem die großartigen Chancen des Livestreaming als Mittel entdeckt hatte, um seine Kunst in alle Welt zu verbreiten. Und er dachte: “Okay, Livestreaming mag ein gutes Werkzeug der Öffentlichkeitsarbeit sein, aber können wir diese Technologie nicht auch auf der Bühne nutzen? Im Theater geht’s doch immer um Kommunikation, warum versuchen wir nicht, mit diesem Kommunikationsmittel Geschichten zu erzählen?” Und so entstand die Idee einer vernetzten Theateraufführung, bei der mehrere Bühnen per Skype verbunden sind…

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IMG_1407Ich möchte Ihnen die unwahrscheinliche Geschichte der Entstehung von PHONE HOME erzählen, denn wie wir das Projekt seit Mitte 2013 Schritt für Schritt zusammengesetzt haben, grenzt (für mich) ans Wunderbare. Wie das kleine Märchen eingangs illustriert, war der Ausgangspunkt folgender: Die Stärke des Internet liegt in der Tatsache, dass es keine Einbahnstraße der Kommunikation ist, sondern die Möglichkeit des Austauschs, des Feedbacks bietet. Wenn wir also überall auf der Welt eine Tür zu UNSEREM Theater öffnen können, können wir auch auf unserer Bühne Türen zu ANDEREN Theatern weltweit öffnen. Nun ist die so genannte “Flüchtlingskrise” das vielleicht handgreiflichste Beispiel dafür, dass die Lebenswirklichkeit bei uns direkt davon abhängig ist, was anderswo passiert; das Phänomen der Globalisierung wird hier unmittelbar erfahrbar. Wenn wir also Geschichten über Menschen erzählen wollen, die ihr Zuhause verlassen, um ein neues Zuhause in Europa zu finden, dann müssen wir das auf eine vernetzte Weise tun.

IMG_1416Da ich 2013 am Theater Ulm arbeitete, wollte ich das Projekt dort realisieren und machte mich auf die Suche nach zwei Kooperationspartnern: Einem an der Peripherie der Europäischen Union und einem außerhalb, z.B. in Nordafrika. Nach intensiven Recherchen endlich: Ein BLIND SKYPE DATE mit einem griechischen Regisseur mit unaussprechlichem Namen. Auf diese Weise lernte ich Yannis Kalavrianos kennen, und ich übertreibe nicht, wenn ich von Sympathie auf den ersten Blick spreche. Wir kamen ins Gespräch, er war nicht nur interessiert sondern auch hervorragend in der griechischen Theaterszene vernetzt und es sah so aus, als könnten wir das Projekt mit dem Nationaltheater von Nordgriechenland in Thessaloniki im Herbst 2014 realisieren. Die Suche nach Kontakten in Nordafrika gestaltete sich schwieriger. Obwohl ich erfolgreich Kontakt mit sehr interessanten Theatermachern in Marokko, Tunesien und Ägypten herstellen konnte, schlief der Kontakt jeweils nach dem ersten Skype Date wieder ein. Also beschlossen Yannis und ich, eine Show mit nur zwei beteiligten Bühnen zu erarbeiten, dann jedoch wurde ein Förderantrag, auf den ich gezählt hatte, abgelehnt und Thessaloniki stieg aus. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine sehr konkrete Idee für die Produktion entwickelt, die fest im Spielplan des Theaters Ulm verankert war, daher entschieden wir schweren Herzens, dass REFUGIUM, wie das Stück nun hieß, nicht als vernetzte Performance auf die Bühne kommen würde.

Yannis gab jedoch nicht auf. Noch bevor REFUGIUM im Oktober 2014 herauskam, hatte er sich mit einer Produktionsfirma in Athen zusammengetan, die Erfahrung mit EU-Förderprogrammen hatte und schlug vor, dass wir uns für “Creative Europe” bewerben. Das bedeutete, dass wir einen dritten Kooperationspartner innerhalb der EU finden mussten. Wieder war eine Hochgeschwindigkeitsrecherche gefragt, und durch einen Freund in London kam ich mit Tom Mansfield und Upstart Theatre in Kontakt. Einige Skype-Gespräche genügten, um die Verbindung herzustellen, und nachdem PATHOS MÜNCHEN als institutioneller Partner in Deutschland an Bord war, legten wir los. Mit unglaublichem Input von Marilia Stavridou von Highway Productions zimmerten wir eine Bewerbung für Creative Europe zusammen. Als die Förderentscheidung im April 2015 bekannt wurde – begann dann die ECHTE Arbeit ;-).

IMG_1414Was ist die Pointe dieser Geschichte? Die klassische Art der Beziehungsanbahnung zwischen Theatermachern findet auf Festivals statt, bei Gastspielen, indem man überall herumfährt und sich Vorstellungen anschaut. Dazu ist man entweder in der Lage, wenn man genügend Kleingeld und Freizeit hat oder Intendant eines öffentlichen Theaters ist. Wenn weder das eine noch das andere zutrifft, arbeitet man viel und hat nicht oft die Chance auf internationalen Niveau zu networken. ABER – es gibt Skype. Die Möglichkeit, sich per Internet kennenzulernen ist eine Chance die es in dieser Form erst seit Skype gibt. Die Videokonferenz für alle hat unsere Arbeitswelt ähnlich verändert, wie Partnervermittlungen sich durch das Internet verändert haben. Nein, noch gibt es keine Partnervermittlung für Theatermachers – obwohl Tom Mansfield an dieser Idee arbeitet, wie ich höre. Es geht darum, dass man einen viel besseren Eindruck von einer Person erhält, wenn man mit ihr skypt, als das am Telefon oder durch Emailkorrespondenz der Fall sein könnte. “Marriages are made in heaven”, heißt es, aber auf Erden werden sie ausgetragen. Analog lässt sich feststellen, dass alles, was in der Cloud entsteht – wie zum Beispiel eine internetbasierte Theater-Kooperation – sich am Ende auf echten Bühnen behaupten muss. Wir alle erkunden jeden Tag die Möglichkeiten, die elektronische Kommunikationsformen wie Skype uns im wahren Leben bieten – im Fall von PHONE HOME wenigstens war der Transfer erfolgreich: Wir haben uns schon mehrfach auch im wahren Leben getroffen – jetzt kann uns nichts mehr aufhalten.

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