Dramaturgie im Internetzeitalter

Vergilbte Kunst? Hinter den Kulissen arbeiten deutsche Stadt- und Staatstheater durchaus mit Mitteln des 21. Jahrhunderts. (Foto: Michael Sommer).
Vergilbte Kunst? Hinter den Kulissen arbeiten deutsche Stadt- und Staatstheater durchaus mit Mitteln des 21. Jahrhunderts. (Foto: Michael Sommer).

Eins vorweg: E-Castings gibt es in den deutschen Stadt- und Staatstheatern noch nicht – jedenfalls nicht dass ich wüsste. In der Filmbranche sind sie mittlerweile sehr verbreitet; anstatt Schauspieler zu Castings und Probeaufnahmen einzuladen, senden diese ein kurzes Video ein oder man vereinbart gleich einen Skype-Termin. Es schont das Budget der Produktionsfirma und kostet den Darsteller weniger Zeit, und einen Eindruck davon, wie der Schauspieler auf dem Bildschirm wirkt, gewinnt der Caster in jedem Fall. Was im Film entscheidend ist, spielt am Theater jedoch gerade keine Rolle; hier kommt es eben nicht darauf an, wie der Schauspieler auf dem Bildschirm wirkt, sondern welche Präsenz, welche Aura er ganz analog auf der Bühne mitbringt. Das lässt sich unmöglich aus einem Showreel ersehen – im Gegenteil: Die Differenz zwischen dem medial vermittelten Eindruck und dem Auftreten eines Menschen in der realen Welt kann manchmal erheblich sein.

In der Dramaturgie. Die Organisation und künstlerische Vorbereitung von Theaterproduktionen verursachen einen hohen Kommunikationsaufwand. (Foto: Michael Sommer)
In der Dramaturgie. Die Organisation und künstlerische Vorbereitung von Theaterproduktionen verursachen einen hohen Kommunikationsaufwand. (Foto: Michael Sommer)

Nun ist der Proben- und Vorstellungsbetrieb zwar das Herzstück jedes Theaters, es besteht jedoch aus vielen anderen Abteilungen, und viele davon profitieren erheblich von digital vernetzten Arbeitsweisen. Da ich von 2003 bis 2014 viele Jahre als Dramaturg am Theater Ulm tätig war, möchte ich im Folgenden einige Eindrücke vom ‘Digital Shift’ in der Arbeitswelt eines Dramaturgen teilen. Zunächst einmal: Was ist Dramaturgie? Und von welchem Theater reden wir eigentlich? 140 öffentlich getragene Theater und 130 Orchester bestimmen die kulturelle Landschaft und Identität unseres Landes wesentlich. Hier findet der Großteil der Theaterproduktionen in Deutschland statt, es ist eine weltweit einzigartige Tradition, die eine “kulturelle Grundversorgung” in der Fläche gewährleistet. Wie alle Institutionen tun sich die einzelnen Theater manchmal etwas schwer damit, mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, zumal der medialen Revolution, die wir seit Mitte der 1990er Jahre erleben, Schritt zu halten. Dennoch ist das verbreitete Vorurteil, Theater sei “verstaubt” und “von gestern” ebenso falsch, wie das Vorurteil, Computerspiele seien “gewaltverherrlichend” und “verdummend”. Nein, auch die deutschen Stadttheater sind in der Gegenwart angekommen, dennoch gibt es gute Gründe, ihre “analogen” Traditionen fortzuführen, denn das führt im Zeitalter fortschreitender Virtualisierung zu spannenden Begegnungen und macht diesen Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung nach wie vor relevant.

Im selben Raum. Natürlich muss das Theater seine Stärken ausspielen: die echte Begegnung, die direkte Kommunikation von Künstlern und Zuschauern. (Foto: Michael Sommer)
Im selben Raum. Natürlich muss das Theater seine Stärken ausspielen: die echte Begegnung, die direkte Kommunikation von Künstlern und Zuschauern. (Foto: Michael Sommer)

Die meisten deutschen Stadt- und Staatstheater sind Betriebe mit einem festen Ensemble und einer produktionsorientierten Arbeitsweise. Die Rolle der Dramaturgen ist dabei eine dreifache. Erstens erarbeiten sie mit den (oft externen) Regisseuren eine Fassung des zu spielenden Stücks und begleiten die Inszenierung als „erster Zuschauer“ indem sie kritisieren, befragen, bestätigen. Zweitens gestalten Sie als “Gehirn des Theaters” mit dem Intendanten zusammen einen Spielplan, indem sie viele Stücke lesen, wenige davon auswählen und dann Besetzungen basteln. Drittens sind sie als “Sprachrohr der Kunst” für alle Arten von Theatervermittlung, vom Programmheft über Publikumsgespräche bis zu Videoclips zuständig – für alles, damit die Kunst „ins Gespräch“ kommt. Es ist ein vielfältiger Beruf, in dem jede und jeder Dramaturg/in seine oder ihre Schwerpunkte setzen muss, um nicht im Alltagsgetriebe unterzugehen. Der Kern jedoch ist ohne Zweifel die Produktionsdramaturgie, und wenn wir von vernetzten Arbeitsweisen sprechen, dann spielt sie in der Vorbereitung einer Produktion die größte Rolle. Kein Stück wird heutzutage Wort für Wort so auf eine deutsche Bühne gebracht, wie der Autor oder die Autorin es sich vorstellt. Bei einem Klassiker ist es wohl selbstverständlich, dass das Team aus Regisseur und Dramaturg eigene Schwerpunkte setzt, inhaltliche und pragmatische Striche vornimmt und so “seine” Fassung erarbeitet. Diese Arbeit war bis in die Neunziger Jahre hinein fast nur im persönlichen Gespräch möglich, was nicht einfach war, denn Theaterregisseure sind in der Regel Arbeitsnomaden, die acht Wochen am einen und acht Wochen am nächsten Theater gastieren. Klar kann man über Einzelfragen telefonieren, aber wenn man einen Text mit vielen Strichen, Änderungen und Umformulierungen vor sich hat, wenn es zu erwägen gilt, was eine Formulierung bedeutet und ob die Assoziationen, die sie auslöst, in die richtige Richtung gehen, dann stoßen auch erfahrene Kommunikatoren schnell an ihre Grenzen. Denn es ist kein Geheimnis: Der größere Teil von Kommunikation findet nicht über den verbalen Kanal, sondern über Gestik, Mimik, Haltung und all die anderen Nebenkriegsschauplätze statt, deren wir uns im Alltag kaum bewusst sind. Die große Aufgabe einer künstlerischen Produktion im Team, nämlich eine gemeinsame Sprache zu finden, ist ein Vorgang, der sich nicht ausschließlich in Sprache ereignen kann. Die erste wirkliche Alternative zur vorbereitenden Textarbeit zwischen Regisseur und Dramaturg, und in ähnlicher Weise zwischen Regisseur und Bühnen- bzw. Kostümbildner ist die qualitativ hochwertige Videokonferenz. Natürlich erfordert es einige Übung, miteinander zu skypen, und wenn die Internetverbindung an einem Ende schlecht ist, mag mitunter die Frustration überwiegen, aber wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, dann ist die Zusammenarbeit über Skype ein echte Alternative zu Live-Arbeitstreffen, die in Zeiten knapper Ressourcen immer weniger finanziert werden können.

Zukunftsmusik? In REFUGIUM von Michael Sommer (Theater Ulm, 2014) wurden die Skype-Situationen noch künstlerisch stilisiert "gespielt" - aber in PHONE HOME, ab Oktober 2016, wird die Vision eines vernetzten Theaterstücks Realität. (Aglaja Stadelmann und Dalila Abdallah, Foto: Hermann Posch)
Zukunftsmusik? In REFUGIUM von Michael Sommer (Theater Ulm, 2014) wurden die Skype-Situationen noch künstlerisch stilisiert “gespielt” – aber in PHONE HOME, ab Oktober 2016, wird die Vision eines vernetzten Theaterstücks Realität. (Aglaja Stadelmann und Dalila Abdallah, Foto: Hermann Posch)

Das Theater war schon immer eine äußerst “mobile” Kunstform. Diese Feststellung klingt angesichts massiver Musentempel und fester Ensembles in vielen Städten ein wenig widersprüchlich, sie gilt aber selbst für die größte aller Opern-Materialschlachten – denn morgen ist alles vorbei. Theater ist vergänglich, und nicht erst seit der Trend zur Verkleinerung oder gar Abschaffung der Ensembles zugunsten freier Schauspieler geht, ist es immer ein Aufenthalt auf Zeit, den die Künstler an einem Ort verbringen. Insbesondere in der freien Szene, aber mit einer gewissen Verzögerung durchaus auch in den Stadt- und Staatstheatern werden deshalb Arbeitsformen zur Norm, die sich neuer Kommunikationstechnologien bedienen, um ortsunabhängig zu sein. Natürlich werden Emails rauf und runtergeschrieben, Kurznachrichten und soziale Medien bemüht, das Mittel der Wahl für die Kommunikation bleibt aber Skype, weil es eine ganzheitlichere Form der Verständigung ermöglichen, die im künstlerischen Prozess, der mehr als viele andere Produktionsvorgänge auf den Menschen konzentriert ist, unabdingbar ist. Ich habe in meiner Zeit als Dramaturg am Stadttheater Stückentwicklungen, Stückfassungen, Übersetzungen, künstlerische Planungsgespräche und viele andere Projekte maßgeblich über Videokonferenzen abgewickelt – Tendenz steigend. Und ja, es wird ab und zu auch schon per Skype geprobt, das muss aber unter uns bleiben, sonst werden wieder Fördermittel gestrichen.

Michael Sommer ist künstlerischer Leiter des vernetzten Theaterprojekts PHONE HOME, das zur Zeit von Teams in London, München und Athen erarbeitet und von Skype vernetzt wird.

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